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Lüdenscheider Gespräche

Erinnern an die Colonia Dignidad. Einblicke in ein chilenisch-deutsches Oral History-Archiv

Die Colonia Dignidad ist bekannt und berüchtigt als deutsche Sektensiedlung im südlichen Chile. Zwischen 1961 und 2005 wurden die Sektenmitglieder und ihre Kinder hier isoliert, indoktriniert, ausgebeutet, gequält und sexuell missbraucht. Während der chilenischen Diktatur 1973 bis 1990 wurden Oppositionelle dort gefoltert und ermordet. Diese mit Wissen der deutschen Botschaft begangenen Verbrechen wurden bislang nur ungenügend aufgearbeitet.

Im Projekt „Colonia Dignidad. Ein chilenisch-deutsches Oral History-Archiv“ sind in den vergangenen Jahren 64 Interviews mit Bewohner/innen, politischen Gefangenen, Angehörigen und weiteren Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geführt worden. Die deutsch- oder spanischsprachigen Video-Interviews sind in einem multiperspektivischen Interview-Archiv zugänglich. Das nicht nur die Erzählungen der Zeitzeugen bewahrt, sondern auch die wissenschaftliche Aufarbeitung und politische Bildung mit dem Thema fördern soll.

In dem Vortrag werden der Entstehungsprozess sowie die spezifischen Herausforderungen für das Archiv beleuchtet, das Lebensgeschichten aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten versammelt, von Menschen, deren Lebensgeschichten in meist leidvoller Art und Weise mit der Colonia Dignidad verbunden sind, deren Erfahrungsräume und Weltsichten sich jedoch untereinander häufig fremd gegenüberstehen.

Dorothee Wein ist Politikwissenschaftlerin und Ethnologin. Sie arbeitet seit 2008 im Team der Digitalen Interview-Sammlungen der Freien Universität Berlin, wo sie narrative Oral History-Quellen für Wissenschaft und Bildung erschließt und in digitalen Umgebungen zugänglich macht. Seit 2019 ist sie im Projekt „Colonia Dignidad. Ein chilenisch-deutsches Oral History-Archiv“ als wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Konzeption und Durchführung des Interviewprojektes zuständig.